Reportage

Aus heiterem Himmel geschah die Katastrophe

Clemens S. berichtet von seinen Erlebnissen

Es war ein perfekter Sommertag an der Ostsee. Die Familie genoss die Zeit am Strand. Ich beschloss, ein letztes Mal im Meer zu baden. Ich war zum ersten Mal an der Ostsee und wanderte die Buhnen entlang tiefer ins Meer. Über meinem Kopf zogen Möwen ihre Schleifen und in der Ferne schob sich eine Fähre den Horizont entlang. Ich hörte ein Kind rufen: „Schau mal, Mama, der Mann!“, dann sprang ich ins Wasser.

Am Meer

Das Urlaubsidyll wurde für Clemens S. zu einer Katastrophe.

Die Wucht des Aufpralls drehte mich auf den Rücken und verdrängte den Schmerz des brechenden Wirbels. Und dann verlor ich mich. Von den Zehen an verlor ich mich, mein Körper wurde taub und leer. Erst an den Mittelfingern meiner Hände und den Wangen meines Gesichts endete die Taubheit. Es war der 8. Juni 2008, als mein Freund mich aus dem Wasser trug und uns eine zufällig anwesende Krankenschwester dabei half, mich auf den Strand zu legen.

Es war immer noch der achte Juni, als der Notarzt mich anblickte, in der Hoffnung, ich würde seine Finger auf meinem Körper spüren, als ich in den Hubschrauber geschoben wurde und das Bewusstsein verlor. Und es war noch der achte Juni, als ich aus der Narkose erwachte, angeschlossen an Schläuchen und piepsenden Apparaturen. Meine Diagnose lautete: „HWK-7 Fraktur, Inkomplette Tetraplegie.“ Mein Körper wurde zu einer Schlenkerpuppe. Wenn ich mich aufsetzte, musste ich mich am Bettgitter festhalten, um nicht zu fallen. Von der Brust abwärts war ich vollständig gelähmt. Es brauchte einen Seilzug, um mich während der Pflege zu bewegen. Die Welt um mich herum schrumpfte und bestand aus meinem Bett und meinem Nachttisch. Ich war nicht mehr Herr über meinen Alltag. Ich musste mich in Geduld üben und warten. Auf den Pfleger, auf das Essen, auf den Besuch, auf den Schlaf. Ich nutzte das gesamte Programm der Klinik in Greifswald: Physio-, Ergo- und Sporttherapie, Stromanwendungen, Bewegungsbäder; meine Sorgen besprach ich mit einer Psychologin, auch mit der Heilpädagogin.

Meine Therapeuten waren hoch motiviert und arbeiteten an meiner Mobilität. Parallel dazu baute ich mit Hilfe des BDH mein neues Leben auf: Wir beantragten einen Schwerbehindertenausweis, suchten nach einer neuen Wohnung, sorgten für die Wiederaufnahme meines Studiums.

Die Geduld zahlte sich aus

Dann geschah das Unglaubliche: Während einer Behandlungsstunde sagte meine Therapeutin: „Ich glaube, ich spüre Deine Bauchmuskeln.“ Dieser Satz änderte alles. Funktionierende Bauchmuskeln bedeuten, wieder aufrecht sitzen und sich selbständig anziehen zu können. Wenige Tage später bewegten sich meine Zehen, zunächst kaum sichtbar. Im Laufe der nächsten Monate gewann mein Körper zunehmend an Beweglichkeit zurück. Bald konnte ich mein rechtes Bein bewegen, dann auch das linke. Ich lernte zu stehen. Ich machte die ersten Schritte, schwer auf einen Römer gestützt. Als ich die Klinik verließ, konnte ich an Unterarmstützen kurze Strecken bewältigen. Ich kehrte nach Berlin zurück und setzte die Reha in einer ambulanten Klinik fort. Auf den Rollstuhl war ich nach wenigen Monaten nicht mehr angewiesen.

Ich nahm mein Studium wieder auf und versorge mich seitdem selbst, gehe einkaufen und bewältige die Hausarbeit selbständig. Ich treffe mich mit Freunden, gehe ins Theater oder ins Kino, und seitdem ich die ambulante Reha beendet habe, gehe ich sogar wieder schwimmen. Ich gehe weiterhin an Krücken. Die Zeit, die ich in einem Rollstuhl verbrachte, liegt aber längst hinter mir. Und dass dem so ist, ist das Verdienst der Menschen, Therapeuten und Ärzte, die mich auf diesem Weg begleitet haben.




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